Mühle im Winter
Zu Besuch
im technischen Denkmal
Holländermühle Straupitz/Spreewald

Türinschrift
Das „Glück auf“ der Bergleute kennt man ja, das „Ahoi“ der Seeleute auch. Aber „Glück zu“?
In der Straupitzer Holländerwindmühle steht es mit altdeutscher Schrift über dem Eingang, auch werden die zahlreichen Gäste derart willkommen geheißen: „Glück zu!“ sagt der Müller. Den Ursprung dieses alten und traditionellen Grußes der Müllersleut´ läßt man sich am besten direkt bei einem Besuch in der Mühle erklären.

Ein Besuch in der denkmalgeschützten und vermutlich letzten produzierenden Dreifachwindmühle in Europa bietet immer wieder einen hohen Schau- und Erlebniswert:

Befinden sich doch nur noch hier drei komplette und wieder arbeitende Mühlen unter einem Dach: eine Kornmühle, eine Ölmühle und eine Schneidemühle (Sägewerk). Es riecht wieder nach Mehl, frischem Öl und Holz. Markantes Wahrzeichen ist der 17 Meter hohe Backsteinturm in der Bauart holländischer Windmühlen, deren gemeinsames Merkmal eine auf den Turm aufgesetzte und 360° drehbare Mühlenkappe ist, damit die Flügel immer richtig zum Wind stehen. Die Straupitzer Flügel haben einen Durchmesser von 22 Metern.

Scheffel

Wir beginnen den Mühlenrundgang auf dem Sackboden (unterste Etage) der Kornmühle, wo immer viele prall gefüllte Korn- und Mehlsäcke herumstanden.




Mehlkiste

Man sieht hier die große Mehlkiste, aus welcher der Müller das fertige Mehl in die früher üblichen 100 kg-Säcke abfüllte. Doch steht diese Mehlkiste am Ende eines langen und komplizierten Verarbeitungsprozesses. Dieser beginnt an der ebenfalls auf dem Sackboden befindlichen Schüttgosse, in welche die vollen Getreidesäcke ausgeschüttet werden.

Schüttgosse


Weil der Müller seine Mühle nach einem Brand 1912 etwas modernisiert hatte, brauchte er die schweren Säcke nicht mehr am Seil (Sackaufzug) nach oben in den 4. Stock zu transportieren. Das übernimmt seither ein Elevator (Becherwerk), der heute wieder in Betrieb ist und den Besuchern vorgeführt wird.

Gleich neben der Schüttgosse ist ein alter Bremsfahrstuhl zu bestaunen. Er wurde ebenfalls 1912 eingebaut und erspart dem Müller das mühselige Treppensteigen. Denn der Müller muß, sofern die Kornmühle arbeitet, ständig auf den verschiedenen Böden (Etagen) nach dem Rechten sehen, Maschinen einstellen, bedienen, laufend Säcke an- und abhängen u.a.m. Da war der Fahrstuhl mit 175 kg Tragkraft schon eine bedeutende Erleichterung. Derartige alte Mühlenfahrstühle gibt es heute kaum noch zu sehen, ihre Bauweise und Funktion ist relativ primitiv und auch gefährlich, weshalb etliche Müller damit verunglückten und auch zu Tode gekommen sind. Heute sind solche Fahrstühle nicht mehr erlaubt. Dennoch kann der Straupitzer Fahrstuhl im Betrieb vorgeführt werden.

Steigen wir eine Treppe hoch auf den Mahlboden, häufig auch Steinboden genannt, sofern hier wie in Straupitz noch Mühlsteine arbeiten. Der Mahlgang mit den Steinen ist wieder voll funktionstüchtig.

Anschaulich wird hier gezeigt, mit welchen primitiven Werkzeugen ständig die Mühlsteine geschärft werden mußten. Eine mühselige und wenig beliebte Arbeit, so daß die Müller sagten: "Das Müllerleben ist von Gott gegeben. Doch das Schärfen der Steine und das Mahlen bei Nacht, das hat der Teufel erdacht!"

Begeben wir uns ganz nach oben unter die Mühlenkappe. Ein imposanter Anblick! Mächtige Eichenbalken, eine gewaltige Flügelwelle (die bei Wind natürlich auch dreht) und ein 3,20 Meter großes Kammrad aus Eichenholz fallen sofort ins Auge und machen immer wieder Staunen, welche handwerkliche Meisterleistungen unsere Altvorderen bereits vor 200 und mehr Jahren ohne moderne Technik wie heute vollbracht haben.


Die Kappe mitsamt Flügeln ist ein völliger Neubau nach einem Originalfoto von etwa 1915. Angefertigt wurde diese wie auch die Flügel im Jahre 2002 von der renommierten holländischen Mühlenbaufirma Vaags, weil die alte nicht mehr vorhanden war bzw. 1964 abgenommen und durch ein Flachdach ersetzt worden war.

Das Gewicht der Kappe mit den daran befestigten Flügeln beträgt insgesamt ca. 25 Tonnen und ruht auf 20 gußeisernen Rollen, wodurch sich die Kappe 360° um die eigene Achse drehen läßt.

Beim Wiederabstieg vom Mühlenturm, bei dem man übrigens eine hervorragende Aussicht über den Ort mit seiner weithin berühmten Schinkel-Kirche hat, läßt sich noch die vollständig vorhandene Einrichtung zur Getreidereinigung erkunden: Aspirateur, Eisen-Magnetabscheider, Wickentrieur (Unkrautausleser), kombinierte Schäl- und Bürstmaschine, Getreidequetsche sowie ein Blaumehlzylinder.

Bei der Reinigung entsteht in den einzelnen Maschinen Abfall und explosiver Staub, der ständig mittels Sauggebläse abgesaugt wird. Die hierfür auf dem 4. Boden installierten Filterschläuche aus Flanell werden von einer Filteruhr regelmäßig abgerüttelt.

Natürlich sind auch die Vermahlungseinrichtungen vollständig vorhanden, so wie der Müller seit der letztmaligen "Modernisierung" um 1937 damit gearbeitet hat: der bereits erwähnte Mahlgang auf dem Steinboden, daneben ein betagter Walzenstuhl der Berliner Firma Kapler sowie eine Ausmahlmaschine von Heckenmüller aus Itzehoe.

Kapler-Stuhl Sichter

Auf dem 4. Boden ein frei schwingender Plansichter von Grosse aus Lohmen mit zwei Abteilen.

Einen Boden tiefer (Behälterboden) die Sackbank mit vier Sackstutzen für die Zwischenabsabsackung sowie eine Mischmaschine mit liegender Mischwalze zur Herstellung eines gleichmäßigen Mehles.

Direkt von der untersten Etage der Kornmühle gelangen wir in die 1910 an den Mühlenturm angebaute Ölmühle. Straupitzer Röstofen
Der angenehm nussige Geruch von frischem Leinöl erfüllt den kleinen Raum, so daß man gar nicht drum herum kommt, an der Verkostungstheke eins der für Gäste bereitliegenden Weißbrotstückchen ins frisch geschlagene Leinöl zu stippen und mit Zucker oder Salz bestreut genüßlich zu verzehren. Vom Ölmüller dann erfährt der interessierte Besucher den Grund, weshalb das hier geschlagene Leinöl im Gegensatz zu dem in den Geschäften erhältliche so angenehm mild und nussig-buttrig schmeckt: weil nämlich nur noch hier in Straupitz - wie früher allgemein üblich - der Leinsamen vor dem Auspressen in einer Eisenpfanne über Holzfeuer geröstet wird, weshalb sich für diese Methode die Bezeichnung „Warmpressen“ eingebürgert hat. In heutigen modernen Ölmühlen ist kein Platz für diesen ziemlich aufwendigen Röstprozeß: „es rechnet sich nicht ...“


Mühlenchef beim Leinsaatrösten

Fast täglich ab ca. 9 Uhr (außer montags in der Hauptsaison) kann man den Ölmüllern bei ihrer schweren Arbeit zusehen, das frische Leinöl ist immer rasch ausverkauft.

Seiher füllen Seiher zudeckeln Beschicken der Ölpresse Straupitzer Ölpresse
In einem Preßdurchgang werden jeweils 10 kg Leinsaat verarbeitet, woraus nach ca. einer Stunde und verbunden mit teils körperlicher Schwerstarbeit ca. 2,5 Ltr. goldgelbes Leinöl fließen. Leinöleimer So hergestellt, schmeckt es nicht nur vorzüglich, sondern ist auch hochgesund. Ehm Welk („Die Heiden von Kumerow“) wußte das und nannte das "Leinöl als Schmiere für die Ewigkeit". Welk lebte zwei Jahre im Spreewald. Leinöl hat unter den Speiseölen den höchsten Anteil der so überaus gesundheitswichtigen Omega3-Fettsäure - das vielgepriesene Olivenöl fast gar keine.
Leinkuchen und -mehl
Auch der Leinkuchen (Ölkuchen; ausgepreßter Leinsamen) und das Leinkuchenmehl ist mit seinem Restölgehalt von über 10 % und viel Vitamin E gesundheitlich sehr wertvoll und ein schmackhafter und beliebter Müslizusatz, weil es Herz, Kreislauf und die Manneskraft stärkt, die Verdauung anregt und Entzündungen hemmt.

Von der Ölmühle aus kommen wir zum ehemaligen Kesselraum, wo um die Jahrhundertwende eine Dampflokomobile schnaufte, denn die Kraft des Windes alleine reichte nicht aus für alle drei Mühlen gleichzeitig.

Rohölmotor Heute befindet sich an dieser Stelle ein alter Rohölmotor von 1920. Das alte Kesselhaus wird jetzt als Ausstellungsraum genutzt zur Geschichte der Mühle sowie zur Darstellung der historischen Flachsverarbeitung mit Breche, Schwinge, Hechel u.a.m. Auch ein hundertjähriges Leinennachthemd kann man hier bewundern - handgesponnen und handgewebt.

Transmission Kesselraum
Begleitet vom Surren der ledernen Transmissionsriemen und angenehm würzigem Duft von frisch geröstetem Leinsamen erfährt der Besucher im Kesselhaus zunächst allerlei Interessantes aus der Geschichte der alten Mühle: daß um ca. 1640 an gleicher Stelle eine hölzerne Bockwindmühle gestanden hat, die vermutlich abbrannte und 1810 durch den heutigen Backsteinturm ersetzt wurde. 1885 kam das Sägewerk hinzu, 1910 die Ölmühle, welche heute als letzte und einzige ihrer Art wieder solch köstliches Leinöl herstellt, wie man es von früher gewohnt war. Die Mühle fiel des öfteren den Flammen zum Opfer, letzmalig 1923, wobei die Flügel zerstört wurden. Da der Müller auch immer von den Launen des Windes abhängig war, nutzte er die unfreiwillige Gelegenheit und stellte die gesamte Mühlen auf Elektroantrieb um.
80 Jahre lang stand die Mühle ohne Flügel und erhielt diese erst wieder Ende 2002.

Zum Schluß gelangen wir vom Kesselhaus durch eine kleine Tür in das alte Sägewerk von 1885. Hier sieht es noch (fast) so aus wie vor 100 Jahren, auch wird noch immer so gearbeitet wie damals:

Rundholzplatz
Mit primitiven Stammwagen aus Holz werden die schweren Stämme und Bretter per Hand geschoben und zum kleinen Vollgatter der Fa. Lein (Pirna) oder dem heute sehr selten gewordenen Horizontalgatter mit nur einem Sägeblatt der Fa. Teichert & Söhne (Liegnitz/Schlesien)transportiert.



Das Sägemehl muß wie vor 100 Jahren mit einem Wäschekorb aus dem Keller geholt werden.
Alles ist voll funktionstüchtig, wird aber aus Kostengründen nur noch für den Eigenbedarf oder für gelegentliche Schauvorführungen in Betrieb gezeigt.


Die Mühle ist ganzjährig geöffnet (Öffnungszeiten auf der Startseite). Für eine Mühlenbesichtigung mit Erklärungen und Leinölverkostung ist ein geringes Eintrittsgeld zu entrichten. Das täglich frische Leinöl wird im schmucken Müllerhaus verkauft, welches zugleich als Café dient. Wer etwas Geld sparen will, kauft das vorzügliche Leinöl lose, bringt also eigene saubere Flaschen mit.
Flasche 250 ml Leinölkanne


Copyright by Klaus Rudolph, Straupitz/Spreewald, 
Member of T.I.M.S.  (The International Molinological Society)